Natuerlich hiess Grischa niemals Grischa.
Wir waren seelenverwandt, Grischa und ich. So glaubten wir damals jedenfalls. Richtig Bock auf Beziehung hatten wir beide nicht, das erschien uns zu stressig. Schliesslich bekamen wir ja immer und ueberall mit, wie es den anderen innerhalb der Clique ging, die so dumm oder auch so mutig waren, einzugestehen: Wir sind ein Paar. Noch nicht ganz durch die Pubertaet durch, aber einen auf Ehe mimen. Und sich dann gegenseitig misstrauen und kontrollieren, hinterherspionieren und dem jeweils anderen beim naechsten nichtigen Eifersuchtsanfall die Augen auskratzen. Nein, das war nichts fuer uns.
Und doch konnten wir voneinander nicht lassen. Wir zogen uns gegenseitig geradezu magnetisch an. Nichts und niemand hatte den Mut, sich zwischen uns zu stellen, wenn wir in dieser speziellen Stimmung waren. Wir liebten uns heiss und leidenschaftlich, aber wir waren kein Paar.
Grischa war Drummer, und Grischa sah verdammt gut aus. Stahlblaue Augen bei dunkelbraunen, etwas zu langen Haaren fuer einen Sohn aus gutbuergerlichem Hause. Einen guten Kopf groesser als ich, mit schmalen Hueften und breiten Schultern. Und mit faszinierenden Haenden. Wenn er mit diesen tollen Haenden die Drumsticks umherwirbelte, konnte ich seine Greifwerkzeuge auf meinem ganzen Koerper spueren, wo auch immer ich mich befand. Bei diversen Konzerten hat es reichlich Zurueckhaltung gekostet, ihn nicht hinter der Schiessbude weg und von der Buehne herunter zu zerren, um ihn auf der Stelle vernaschen zu koennen.
Wir kannten und erkannten uns. Wir waren uns so wahnsinnig vertraut, als haette irgendjemand unsere Gedankengaenge miteinander verloetet. Vermutlich deshalb war auch der Sex so fantastisch. Nach dem Konzert zu Silvester in der Stadthalle, von aussen an das Lieferanten-Tor gelehnt, bei Minusgraden und waehrend tausend andere Menschen in der Halle das Buffet stuermten: Wir sind gekommen wie die Feuerwehr, wenn sie einen Loeschzug dabei hat.
Grischa und ich, das war ein ab-und-zu-immer-mal-wieder-Ding, nichts was grundsaetzlich und fest war. Um uns aber beherrschen und der gegenseitigen Anziehung widerstehen zu koennen, durften wir nicht gemeinsam in einem Raum sein. Wir verbrachten spaeter, als er schon ausgebildeter Hotelfachmann war, ganze lange Wochenenden fast ausschliesslich im Bett. Und zwischen dem Kochen von Spaghetti in T-Shirt und Wollsocken morgens um halb drei, etlichen Naturzigaretten und wildem Herumvoegeln waehrend des Trivial Pursuits haben wir uns hauptsaechlich stundenlang unterhalten.
Es war vollkommen normal und in Ordnung, dass wir uns manchmal mehrere Wochen lang nicht sahen. Und in dieser Zeit natuerlich auch anderweitig Spass hatten, wie gesagt hatten wir kein unkuendbares Abo auf- und miteinander. Aber mir fiel es schwer, ueberhaupt Abonnements anzunehmen. Denn ich verglich natuerlich jeden potentiellen Kandidaten mit Grischa. Ihm ging es da nicht anders.
Das Leben ist aufregend und die Welt gross genug! Lass uns tolerant sein und Spass haben und Abenteuer erleben! Damit wir uns etwas von unseren Gefuehlen erzaehlen koennen, beim naechsten Mal. Wir haben immer viel Spass miteinander. Aneinander. Aufeinander. Umeinander.
Wenn ich sein Lachen hoerte, den speziellen Blick auffing, seine Haende sah, ihn ebenso sanft und zaertlich beruehren wie auch mich selbst heftig an ihn pressen konnte … dann war es um mich geschehen. Dann regierten die Hormone, und zwar alle auf einmal. So wie damals, im Mai am Baggersee. Wir trafen uns nachmittags, um vier an der Trafostation. Gingen dann spazieren, durch den Wald zum See. Redeten und lachten. Spaeter am See lagen wir im hohen und weichen Gras, redeten noch immer, beobachteten fremde Menschen. Schon immer konnten wir uns gegenseitig beim Knutschen, Fummeln und Sex regelrecht in Trance versetzen. Stundenlang. Nur noch Koerper und Gefuehl sein, auf so wenig aber Essentielles reduziert. Nichts mehr aus der Umgebung wahrnehmen, ganz auf uns konzentriert. Als wir gegen Mitternacht wieder zu uns kamen, hatten wir zusammen mehr als zweihundert Mueckenstiche.
Grischa und ich, das dauerte zehn Jahre lang. Zehn lange, geile und glueckliche Jahre, in denen wir nicht zusammen waren. Jedenfalls nie offiziell. Dann ging er ins Ausland, beruflich. Kurze Zeit spaeter dann lernte ich Jens kennen und das ist eine andere Geschichte.
Nachdem ich mit Jens schon knapp zwei Jahre verheiratet war, habe ich eines Abends an der Tankstelle Grischa wiedergetroffen. Er alleine, ich alleine, jeweils beim Betanken der fahrbaren Untersaetze. Ansehen, erkennen, laecheln. Gaensehaut. Elektrizitaet. Magnetismus. Beim Bezahlen stand ich vor ihm an der Kasse, er direkt hinter mir, senkte seinen Kopf und kuesste meinen Nacken. Ich konnte ihn spueren, seinen Geruch wahrnehmen, und wollte auf der Stelle mit ihm durchbrennen. Es war haargenau so wie immer, wie das allererste Mal mehr als zwoelf Jahre zuvor und auch wie das, was eigentlich das letzte Mal haette sein sollen, knapp drei Jahre vorher.
Wir hatten einige Stunden Zeit. Die haben wir redlich ausgenutzt.
Music to remember: Peaches & Herb – Reunited; Jethro Tull – Locomotive Breath; The Sweet – Love Is Like Oxygen; Phil Collins – In The Air Tonight; Promises – Baby It’s You; Foreigner – Urgent; SOS Band – Take Your Time (Do It Right); Randy Crawford – One Day I’ll Fly Away; Soft Cell – Tainted Love; Westernhagen – Wir waren noch Kinder
Ich habe Dich sehr geliebt, Grischa. Danke für die schoenen, geilen Jahre.
„Vergess’ mich nicht“ sagte er beim Abschied. „Nein.“
Niemals.
Letzter Senf